Dr. Erhard Henkes
03.04.2026
Mein Ebook zu diesem Thema:
https://www.amazon.de/dp/B0GF84C3CX
Viele Schachspieler nutzen Chess Engines, um Varianten zu
analysieren. Das ist fast schon selbstverständlich, weil die aktuellen Engines
zumeist kostenlos sind und stärker spielen als der Schachweltmeister.
Deutlich seltener wird jedoch
eine andere Möglichkeit genutzt, die für das praktische Training enorm stark
sein kann:
Man baut aus dem eigenen Repertoire ein Opening Book im PolyGlot-Format und trainiert
anschließend gezielt gegen genau diese Linien.
Dies ist das Thema dieser Seite.
Es geht nicht um ein riesiges allgemeines Eröffnungsbuch, nicht um eine Datenbank mit tausenden Varianten. Das Ziel ist nicht Theorie zum Selbstzweck, sondern ein persönliches Trainingsbuch, das die Engine gezielt in die von Ihnen gewünschten Eröffnungswege lenkt und das man leicht den aktuellen Bedürfnissen anpassen kann.
Das Resultat ist
überraschend nützlich. Statt nur Varianten zu lesen oder im Analysefenster zu
betrachten, spielen Sie aktiv gegen Ihr eigenes Repertoirefeld.
Erst wenn das Buch endet, beginnt die übliche Berechnung der Engine. Dadurch
entsteht ein sehr konkreter Trainingscharakter. Die Engine wird hier zum
Partner beim Einüben von Eröffnungszügen. Voraussetzung ist, dass die
entsprechende Chess Engine eine Option anbietet, in der man ein eigenes Buch
auswählen und dieses im bin-Format (PolyGlot) eintragen kann. Solche Engines
sind z.B. Fruit
Reloaded (open-source) oder
Komodo 14.1 (kostenlos).
Bei Komodo sehen diese
Optionen wie folgt aus:

Bei Fruit Reloaded nennen sich die Optionen ebenfalls "OwnBook" und "BookFile".
Die Methode lässt sich wie folgt vereinfacht zusammenfassen:
Mit Stockfish analysieren.
Mit PGN Book Editor das BIN erzeugen.
Mit einer buchfähigen Engine wie Fruit Reloaded oder Komodo 14.1 als Partner trainieren.
Das klingt zunächst kompliziert, ist jedoch mit etwas Übung rasch zu erlernen
und funktioniert in der Praxis gut.
Überlegen Sie, welche Eröffnungssysteme Sie wirklich trainieren möchten? Nehmen Sie sich für den Anfang z.B. nicht mehr als zwei Eröffnungen pro Seite vor. Diese Linien analysieren und schärfen Sie mit Stockfish 18. Anschließend bauen Sie daraus mit PGN Book Editor ein PolyGlot-Buch im BIN-Format.
Dieses Buch wird dann von einer Engine genutzt, die eigene Opening Books tatsächlich unterstützt. So spielt die Engine in den gewünschten Anfangsphasen nicht irgendeine allgemeine Antwort, sondern genau die Buchzüge, die Sie für sich vorbereitet haben.
Der Unterschied zur normalen Engine-Nutzung ist signifikant. Wer einfach gegen eine Engine startet, bekommt zwar starke Züge, erhält aber kein gezieltes Repertoiretraining. Die Engine biegt in ihre eigenen Wege ab. Damit erreicht man keinen Lerneffekt durch Wiederholung. Genau hier setzt das Trainingsbuch an.
Sie bestimmen den
Rahmen der gespielten Partien.
Wenn Sie mit Weiß zum
Beispiel 1.Sf3 spielen und vor allem zunächst 1...d5 sehen möchten, bauen Sie genau diese
Richtung in Ihr Buch ein.
Wenn Sie mit Schwarz gegen 1.e4 Französisch spielen möchten, dann legen Sie genau diese Antwort und die daraus folgenden Varianten fest.
Wenn Sie gegen 1.d4 mit ...d5 arbeiten wollen, wird auch dieses Repertoire gezielt vorbereitet.
So trainieren Sie nicht gegen den Zufall, sondern gegen die von Ihnen durch das Buch vorbereitete Eröffnungslandschaft, die Sie mit der Zeit um wichtige Varianten erweitern können.
Ein allgemeines Eröffnungsbuch möchte natürlich möglichst viel abdecken.
Ein Trainingsbuch verfolgt ein anderes Ziel. Es soll nicht maximal breit sein, sondern gezielt führen. Der Umfang soll für Sie beherrschbar bleiben.
Der entscheidende praktische Unterschied ist:
Ihre eigene Seite folgt möglichst eng Ihrem Repertoire, z.B. mit Weiß nur 1.Sf3 und vielleicht noch 1.d4.
Die
Gegenseite darf an kritischen Stellen mehrere sinnvolle Antworten haben.
Hierbei sollte man sich
allerdings auf das Wesentliche beschränken.
Eine Hilfestellung bieten z.B. die Prozentangaben in den gespielten
Varianten der "Masters database" bei Lichess.
Auf 1.Sf3 folgt z.B. mit 46% 1....Sf6 und mit 30% 1....d5. Diese beiden Züge
decken damit 76% der gespielten Partien ab.
Sie sollten nicht drei verschiedene Weißsysteme gleichzeitig
trainieren, wenn Sie eigentlich nur ein klares Repertoire spielen möchten.
Sie
sollten vielmehr zunächst Ihre Hauptlinie festigen und sehen, wie die Gegenseite in
relevanten Punkten darauf reagiert.
Erweitern kann man bei den eigenen Zügen später immer noch. Es geht vorerst darum, auf die häufigsten Antworten vorbereitet zu sein.
Ein Trainingsbuch ist also kein Lexikon. Es sollte ein Werkzeug sein, das bei der praktischen Partievorbereitung unterstützt.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel.
Mit Weiß möchten Sie 1.Sf3 spielen. Sie wollen vor allem 1...d5 sehen. Dann wäre es unsinnig, im Buch gleich alle möglichen weißen zweiten Züge in alle Richtungen offen zu lassen. Sinnvoller ist, dass Weiß einer festen Hauptidee folgt, während die Engine als Spieler mit Schwarz an passenden Stellen mehrere realistische Antworten wählen darf.
Mit Schwarz möchten Sie auf 1.e4 Französisch mit ...e6 spielen. Gegen 1.d4 möchten Sie ...d5 spielen. Auch hier ist das Prinzip dasselbe: Ihre Seite bekommt möglichst klare Hauptlinien (am besten nur eine), die Gegenseite erhält im Buch sinnvolle Verzweigungen, mit denen man in der Praxis rechnen muss.
Am Anfang sollte man Aufwand und Nutzen in einem günstigen Verhältnis belassen, damit der Trainingseffekt konkret wirksam wird.
Für den hier beschriebenen Weg wurde praktisch mit folgenden Komponenten gearbeitet:
Stockfish 18 zur Analyse und zur Auswahl der Repertoirelinien. Wir binden diese Engine auch direkt in den Book Editor ein.
PGN Book Editor zum Erstellen und Bearbeiten eines PolyGlot-Buchs im BIN-Format.
Fruit Reloaded oder alternativ Komodo 14.1 als Trainingsengine, die ein eigenes Opening Book tatsächlich nutzen kann.
Man kann natürlich auch andere Engines nutzen, die als Option ein eigenes Buch im PolyGlot-Format zulassen.
Cute Chess als GUI für praktische Tests und Trainingspartien.
Stockfish ist
hervorragend zur Analyse, aber die offizielle Stockfish-Version bringt keine einfache
eingebaute OwnBook-Option mit, wie man sie von manchen anderen Engines kennt.
Für das eigentliche Training mit einem eigenen BIN ist man auf eine eigene Engine
angewiesen, die ein solches Buch direkt verwenden kann.
Übrigens kann man zum Analysieren Stockfish 18 oder eine andere Engine direkt in den PGN Book Editor einbinden, sodass man beim Erstellen des Buches direkt auf die besten principal variations (pv) zugreifen kann.
Der Workflow ist klar und gut beherrschbar.
Am Anfang steht nicht die Software, sondern die schachliche Entscheidung. Welche Systeme möchten Sie überhaupt trainieren?
Das sollte zunächst bewusst klein bleiben. Ein funktionierendes erstes Buch mit wenigen sauberen Linien ist viel wertvoller als ein riesiges, unübersichtliches Konstrukt.
Ein guter Start sind wenige klare Einstiege, etwa:
Mehr braucht die erste Version oft nicht. Sie müssen das technische System auch zuerst praktisch kennenlernen.
Danach analysieren Sie Ihre gewünschten Linien mit Stockfish. Dabei geht es nicht darum, endlose Tiefe zu erzwingen, sondern um saubere Entscheidungen an den wichtigen Verzweigungen.
Welche schwarzen Antworten möchten Sie gegen Ihre weiße Hauptlinie sehen?
Welche weißen Antworten sollen in Ihrem französischen Repertoire vorkommen?
Welche Linien sind theoretisch sinnvoll, aber für Ihr Training im Moment vielleicht unnötig?
Stockfish hilft hier als Analysewerkzeug, jedoch nicht als Trainingsengine.
Im nächsten Schritt werden die gewählten Linien mit PGN Book Editor in ein PolyGlot-Buch übertragen.
Dabei gibt es zwei vernünftige Wege:
Entweder Sie beginnen mit einem kleinen leeren BIN und tragen Linien gezielt per Hand ein.
Oder Sie arbeiten mit vorbereitetem PGN-Material und erzeugen daraus das Buch.
Für den Anfang ist die kleine, kontrollierte Variante oft besser. Sie sehen sofort, welche Züge wirklich im Buch stehen, und vermeiden unnötige Breite.

Das ist ein sehr wichtiger Schritt.
Man sollte nie einfach annehmen, dass das Buch schon stimmen wird. Genau hier beginnt die praktische Qualitätssicherung. In PGN Book Editor kann man an einer bestimmten Stellung lesen, welche Buchzüge tatsächlich vorhanden sind. So sieht man, ob die erwartete Fortsetzung wirklich im BIN steht oder nicht.
Gerade dieser Punkt ist wertvoll. Bei einem fremden Buch weiß man oft gar nicht, was wirklich enthalten ist.
Bei einem eigenen Buch merkt man dagegen sofort, wenn ein Ast fehlt oder die Gewichtung nicht zur Trainingsidee passt.
Danach folgt der Praxistest mit einer buchfähigen Engine.
Hier entscheidet sich, ob das Ganze nur schön aussieht oder wirklich funktioniert.
Die typischen Punkte sind:
Wenn die Engine bei einem erwarteten Buchzug sofort zieht, ohne sichtbar nachzudenken, ist das ein Zeichen dafür, dass der Buchzug tatsächlich gegriffen hat.
Wenn sie dagegen rechnet, obwohl man einen Buchzug erwartet, muss man genauer hinsehen, woran es liegt, dass der erwartete Zug nicht erscheint.
Nach diesen Vorbereitungen beginnt der eigentlich spannende Teil.
Sie spielen gegen eine Engine, die in den Anfangszügen gezielt Ihr vorbereitetes Repertoirefeld verwendet. Das fühlt sich anders an als normales Engine-Spiel. Die Partie startet nicht in einer beliebigen Richtung, sondern in einem Bereich, den Sie bewusst gewählt haben.
Dadurch wird das Training konkret.
Sie merken schnell, welche Übergänge sitzen, wo Ihnen Praxis fehlt, welche Antworten Sie noch ergänzen müssen und an welchen Stellen Ihr Repertoire vielleicht noch zu dünn ist. Versuchen Sie möglichst ca. 75% der Antwortzüge abzudecken. Wählen Sie ihre eigenen Züge so, dass sie nicht mit einer Unzahl von Möglichkeiten rechnen müssen. Die "Masters database" in Lichess ist bezüglich dieser Abschätzung sehr hilfreich.
Solange man nur fremde Bücher benutzt, merkt man viele Dinge gar nicht. Die Engine zog schnell, also scheint alles zu funktionieren. Man hinterfragt nicht, welche Stellungen tatsächlich im Buch stehen und welche nicht.
Erst wenn man ein eigenes Buch aufbaut und gezielt erwartet, dass in einer bestimmten Position genau ein festgelegter Zug kommt, sieht man wirklich, ob die Kette sauber funktioniert. Dabei werden auch typische technische Stolpersteine sichtbar.
In der Praxis sind die häufigsten Probleme nicht schachlicher, sondern technischer Natur.
Das kommt öfter vor, als man denkt. Das BIN existiert, die Linien sehen im Editor gut aus, aber die Engine spielt trotzdem frei weiter. Ursache ist dann oft, dass die Buchoption nicht korrekt aktiviert wurde oder der Dateiname nicht stimmt.
Das ist der klassische Fall. Die Linie scheint vorhanden zu sein, aber an genau einer Stellung fällt die Engine aus dem Buch. Dann wurde oft ein Knoten nicht sauber übernommen.
Man neigt dazu, zuerst die GUI zu verdächtigen. In Wirklichkeit liegt die Ursache aber oft in der Buchanbindung der Engine oder in der Art, wie ein bestimmter Zug intern in der Engine kodiert wird.
Gerade Rochaden können
eine Sonderrolle spielen. Im PolyGlot-Umfeld wird Rochade intern anders kodiert,
als man es aus der normalen Schachdarstellung vermuten würde. Solche Dinge
fallen oft erst beim gezielten Test mit einem eigenen Buch auf. Genau deshalb
ist das praktische Ausprobieren so aufschlussreich.
Die beiden Engines Fruit Reloaded und Komodo 14.1 haben sich beide in meinen
Tests
gut bewährt.
Der Aufwand lohnt sich, weil die Methode einen echten Mehrwert bietet.
Sie verwandeln Ihr Repertoire in ein aktives Trainingssystem.
Sie analysieren
nicht nur Varianten.
Sie lesen nicht nur Zugfolgen.
Sie spielen praktisch gegen genau die Anfangswege, die
Sie wirklich beherrschen möchten.
Das macht Eröffnungsarbeit lebendiger und oft auch ehrlicher. Schwächen werden schneller sichtbar.
Gute Hauptlinien fühlen sich stabiler an. Und man bekommt ein viel besseres Gefühl dafür, was vom eigenen Repertoire bereits tragfähig ist und was noch nachgearbeitet werden muss.
Ein eigenes Trainings-Eröffnungsbuch für eine Schachengine zu erstellen, ist keine bloße technische Spielerei.
Es ist ein erstaunlich nützlicher Weg, um das eigene Repertoire praktisch zu trainieren.
Der stärkste Gedanke daran ist einfach:
Mit Stockfish analysieren. Mit PGN Book Editor das Buch bauen. Mit einer buchfähigen Engine wie Fruit Reloaded oder Komodo dagegen trainieren.
Wer sein Repertoire nicht nur anschauen, sondern wirklich im echten Spiel prüfen will, findet hier einen sehr interessanten Weg.